Johns Rede zur Kandidatur
"Liebe Genoss*innen,
ich stehe heute nicht hier, weil ich das lauteste, gebildetste oder erfahrenste Parteimitglied bin. Ich stehe hier, weil ich in meinem Berufsalltag als Rettungssanitäter tagtäglich damit konfrontiert werde und mit ansehen muss, wie die Schwächsten von uns immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedrückt werden.
Ich stehe hier, weil ich nicht mehr dabei zusehen kann, wie unsere Gesellschaft zerbröselt. Durch Profitgier, durch Hass, Hetze, durch Egoismus.
Ich habe keinen typischen politischen Werdegang, keinen Bachelor, keinen Master-Abschluss. Aber ich habe Augen im Kopf. Und mit denen habe ich gesehen, wie alte, kranke und hilfsbedürftige Menschen vom System fallengelassen werden.
Wie sie leiden müssen, weil der Facharzttermin noch Monate entfernt liegt.
Wie Krankenkassen Behandlungen verweigern. Wie der Platz im Pflegeheim unerreichbar wird – mit Wartelisten, bei denen niemand weiß, ob der geliebte Mensch bis zum Einzug dort überhaupt noch am Leben ist.
Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn wir als Rettungsdienst wieder mal die letzte Instanz für jemanden sind – nicht weil es ein Notfall ist, sondern weil das ganze System an sich längst einer ist.
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Ich sehe Notaufnahmen, die aus allen Nähten platzen. Menschen, die dort stundenlang sitzen, weil es keine erreichbaren Alternativen für sie gibt.
Ich sehe Pflegekräfte, die körperlich und seelisch nicht an sondern längst über der Belastungsgrenze sind. Die immer wieder in ihrer Freizeit einspringen, weil sonst überhaupt gar keiner mehr da wäre.
Ich sehe Patient*innen, die ohne wirksame Behandlung viel zu früh aus dem stationären Aufenthalt entlassen werden, weil die Kapazität in Kliniken für einen Aufenthalt dort nicht anhand von Gesundheit sondern anhand von Profit berechnet wird;
Ich sehe Angehörige, die ratlos sind und nicht wissen, wie es weitergeht, weil für eine adäquate Beratung keine Zeit ist.
Ich sehe ein Gesundheitswesen, dass nicht vor dem Kollaps steht, sondern längst kollabiert ist und nur noch am seidenen Faden von den wenigen aufrecht erhalten wird, die sich tagtäglich für das Allgemeinwohl quälen - trotz widrigster Arbeitsbedingungen, schlechter Bezahlung, fehlenden Freizeitausgleichen und allem vorn weg: Undankbarkeit und Blindheit in der Politik. Das muss endlich aufhören!
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Und deshalb habe ich für mich beschlossen: Ich ertrage das nicht mehr.
Ich will nicht mehr danebenstehen und zusehen müssen.
Ich will ein Baden-Württemberg, das Menschen schützt – nicht ihre Verwertbarkeit misst.
Ein Land, in dem wir sagen: Wer Hilfe braucht, bekommt sie – konsequent, verlässlich, adäquat und würdevoll. Ein Baden-Württemberg, dass „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ wirklich wieder ernst meint.
Und ich weiß: Dafür braucht es uns, weil wir sagen: Der Mensch muss sich nicht rechnen – er muss leben.
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DIE LINKE wird in diesem Landtag gebraucht – mehr denn je. In Zeiten, in denen die Demokratie und unser gesellschaftliches Miteinander gefährdet ist, braucht es uns - Weil wir Haltung haben.
Weil wir nicht schweigen, wenn andere anfangen, Menschen in „nützlich“ und „unnütz“ zu unterteilen; Weil wir sagen: Jeder Mensch hat ein Recht auf Würde – unabhängig von Pass, sozialem Status oder Leistungsfähigkeit. Weil wir antreten, um zu schützen, was demokratisch, sozial und vor allem menschlich ist.
Lasst uns das gemeinsam durchziehen.
Dankeschön."
